Surf-Work-Balance #11: Natalie, die surfende Ärztin in Neuseeland

Ich habe Natalie digital kennen gelernt – irgendwo in den Tiefen des Internets ist mir die surfende deutsche Ärztin in Neuseeland aufgefallen. Ich hatte selber mal den Berufswunsch „Arzt“, nur leider hat sich das zeitintensive Studium und die Anwesenheitspflicht überhaupt nicht mit meinen Surftrips vertragen, sodass ich diesen Plan irgendwann verworfen habe. Umso spannender finde ich Natalies Geschichte – perfekt geeignet für meine Post-Serie „Surf-Work-Balance“! In diesem Post erfährst du wie Natalie es geschafft hat, dem deutschen Arztzimmer inklusive einem Surfurlaub pro Jahr zu entkommen, um auf der anderen Seite der Welt eine sehr glückliche surfende Ärztin zu werden. 

Oft vertragen sich Beruf und Surfen nicht so richtig, besonders bei landlocked Surfern ist das ein schwieriges Thema. Bei Natalie ist das ganz anders – sie hat sich mit Hilfe ihres Berufes die optimale Surf-Work-Balance organisiert.

Hier kannst du nachlesen, wie andere Surfer ihre Surf-Work-Balance organisieren:

Keine Lust auf nur einen Surftrip pro Jahr

Ich hatte mit 30 Jahren aus einer Laune heraus eine Woche Surfurlaub gebucht und obwohl es eigentlich eine Katastrophe war, hatte ich das Gefühl, das will ich noch mal versuchen. Ein Arbeitskollege hat mir dann ein anderes Surfcamp empfohlen und danach stand für mich fest, dass mich Surfen so schnell nicht mehr los lässt. An den Wochenenden bin ich dann zweieinhalb Stunden nach Scheveningen gefahren, um meine Sucht nach Wellen einigermaßen zu befriedigen. Die Begeisterung war da, aber mit nur einem, maximal zwei Surfurlauben im Jahr sind die Fortschritte überschaubar.

Als ich 2012 das erste Mal auf einem Roadtrip in Neuseeland war habe ich es geschafft, mir zumindest am letzten Tag ein Surfboard auszuleihen. Am nächsten Tag saß ich im Flieger und spürte diese Traurigkeit – im Inneren stand ich immer noch vor Kälte zitternd in einem viel zu kleinen und zu dünn geratenen Wetsuit am Lion Rock in Piha und schaute auf die Wellen. Ein letzter Blick auf das Wasser und den Horizont dahiner, ein wehmütiges Gefühl und im Hinterkopf „Es dauert noch ein Jahr bis ich wieder am Wasser bin“.

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Ärztin und skaten? Unangemessen!

Erst zwei Jahre später kam ich wieder nach Neuseeland – dieses mal mit meinem eigenen Surfboard. Nach der Surfari von Süd nach Nord stand dann für mich fest, dass mich dass ich wiederkommen will um zu bleiben. Und dass ich nicht mehr auf meinen Urlaub warten will bis ich wieder ins Wasser kann. Am Meer spüre ich diese Verbundenheit mit den Naturelementen, außerdem liebe ich die Herausforderung, mich den ständig wechselnden Wellenbedingungen zu stellen. Daher setzte ich mir das Ziel, das surfen zum Teil meines Alltags werden zu lassen.

Andere Leute gehen ja auch jeden Tag joggen oder ins Gym – Surfen ist viel abwechslungsreicher und es gibt einfach nichts besseres, als am Meer zu wohnen. In Deutschland spürte ich Ablehnung gegenueber einem Lebensstil, der mein konservatives Berufsfeld als Ärztin und naturverbundenen Actionsport kombiniert. Um meinen Jahresurlaub für Neuseeland aufzusparen, konnte ich ein Jahr lang kein einziges Mal surfen und habe eine gewisse Ersatzbefriedigung im Longboarden gefunden. „Frau Beier, skateboarden ist Ihrem Alter nicht angemessen“ wurde mir auf der Arbeit gesagt.

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Neue Heimat Southland!

Ironischerweise war aber ausgerechnet mein Beruf das Ticket zur Surf-Work-Balance in Neuseeland. Ärzte sind generell und besonders aus meinem Fachbereich und mit jahrelanger Berufserfahrung stark gefragt. Anders als in Australien (ich kenne jemanden mit gleicher Qualifikation wie ich, aber er darf nicht dauerhaft und nur unter bestimmten Auflagen in Australien arbeiten), wird man hier als Facharzt bei entsprechender Anerkennung für eine dauerhafte Einwanderung  mit offenen Armen und vernuenftigen Arbeitsbedingungen empfangen. Aber auch hier ist der ganze Prozess alles andere als einfach und ging in der monatelangen Vorbereitungsphase mit vielen Enttäuschungen und Frustrationen einher.

Nachdem ich aber meinen Job in Southland in der Tasche hatte verlief alles ohne große Probleme. Mein Arbeitgeber kam für meine saemtlichen Umzugskosten auf: Flug fuer mich und meinen Mann, Container, Luftfrachtkiste sowie Auto und Unterkunft fuer den ersten Monat. Desweiteren wurde ich bei bürokratischen und Immigrations-Angelegenheiten zumindest moralisch unterstützt. Die Immigrationsbehörde von Neuseeland hat nach dem Einreichen von zahlreichen Dokumenten und den Aussagen von Freunden und Familie auch die Partnerschaft mit meinem Ehemann als gültig anerkannt (ein Trauschein ist bei einer Immigration nichts wert) – für ihn gelten jetzt die gleichen Bedingungen. Als Resident in Neuseeland hat man nur wenige Nachteile gegenueber Staatsbürgern und wir dürfen sogar wählen gehen!

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Anschluss finden!

Southland ist innerhalb kurzer Zeit unser zu Hause geworden. Wir können uns ein Leben ohne Wellen und Meer gar nicht mehr vorstellen. Im Winter kann ich wegen nur am Wochenende surfen, da es gegen fünf Uhr dunkel wird. Aber im Sommer bin ich neben meinem Job ungefähr fünf mal die Woche nach der Arbeit oder am Wochenende im Line-Up. Wir viele Kontakte geknüpft und auch echte Freunde gewonnen. Es gibt im Umkreis von zehn bis 40 Autominuten zahlreiche Spots – mein Mann kann sich als selbständiger Drohnen-Pilot seine Zeit selbst einteilen und macht am Nachmittag für mich einen Spot-Check vor Ort. Wenn unsere befreundeten Surfer an den anderen Spots von der Arbeit nach Hause kommen werden wir sofort angetextet, sofern die Bedingungen dort gut sind. Das ist fast so gut wie eine Surf-Webcam!

Grundsätzlich sind die Locals sehr freundlich! Es gibt hier wenig weibliche Surfer – wahrscheinlich wurde ich deshalb schon oft angesprochen oder mir wurde großzügig eine Welle überlassen – etwas, das mir im Surfurlaub in Spanien noch nie passiert ist!

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Die Surf-Einstellung stimmt!

Auch die Einstellung meiner Arbeitskollegen zum Surfen ist eine ganz andere als in Deutschland. Wenn die Wellen gut sind, ich aber Rufbereitschaft habe, dann springt auch mal ein Kollege für mich ein. Unter der Woche verabschiedet mich meine Chefin oft mit den Worten: I hope you go surfing tonight! Und meinen 67- jährigen Kollegen habe ich bereits überredet, sich ein Softboard zu schnappen und zum Surfen mit zu kommen.

Ich glaube, in Neuseeland ist man nicht so surf-verrrückt wie in Australien, aber ich habe schon einige andere Ärzte aus dem Krankenhaus im Wasser gesehen. Bei einem Kollegen habe ich mich gewundert, wo er denn surfen gelernt hat – er kommt aus Montana kam und er antwortete: Ich hab Medizin auf Hawaii studiert!

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Surfende Ärzte willkommen!

Selbst im Urlaub und bei meinen Fortbildungen können wir das Surfen nicht lassen – als Senior Medical Officer bin ich verpflichtet regelmäßig an Fortbildungen teilzunehmen und habe dafür ein jährliches Budget von 16.000 NZD zur Verfügung, dass ich für overseas-education nutzen darf und soll. Es ist auch absolut üblich, zu den Fortbildungen auf eigene Kosten den Partner mitzunehmen und ein paar Tage Urlaub dranzuhängen. Es gibt sogar Fortbildungen die sich explizit and surfende Ärzte richten!

Ich habe jetzt ein Jahr perfekte surf-work-balance hinter mir und dabei den Sprung zum intermediate surfer geschafft. Ich fahre turns und cutbacks auf meinem Fish und bin kuerzlich auf ein hybrid Shortboard umgestiegen. Mein Traum ist es, mich an steilere overhead Wellen heranzutasten – damit ich fit für einen Trip zu den Riffen auf die Pazifikinseln bin. Diese Traumwellen liegen ja fast „vor der Haustür“ – das will ich mir nicht entgehen lassen.

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Natalie – die deutsche Surfer-Kiwi

Ich habe hier sehr viele erfahrene und gute Surfer gesehen, die 60 Jahre und älter sind. Da waren sogar Omas und Opas auf Shortboards unterwegs! Ich bin optimistisch, dass ich meine Lieblingsbeschäftigung noch bis ins hohe Alter ausführen kann. Ich gebe offen zu, dass ich kein Abenteurer oder Draufgänger bin. Ich habe in Deutschland zehn Jahre als Ärztin gearbeitet, davon vier Jahre als Oberärztin, das hängt man nicht so leicht an den Nagel. Daher bin ich froh, dass mir mein Job die Tür zu diesem wunderbaren Land geöffnet hat. Die Wellen sind nicht immer perfekt, meistens ist das Wasser kalt, aber ich lebe an der Küste, die Line-Ups sind leer und die Stimmung ist entspannt. Von mir aus muss sich hier erst mal gar nichts ändern!

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Surf-Work-Balance #11: Natalie, die surfende Ärztin in Neuseeland
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3 Kommentare
  1. Benedikt
    Benedikt says:

    Hi,
    Ich wollte mal nachfragen, wie die Chancen stehen nach dem Studium nach Neuseeland zu gehen?
    Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen !
    Beste Grüße
    Bene

    Antworten

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  1. […] Anstrengung während der Schwangerschaft nicht gut oder vom Arzt sogar verboten – für Natalie Beier dagegen war die Kombination Surfen und Schwangerschaft ein Muss! Gemeinsam mit dem ungeborenen […]

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