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Surfen in Nicaragua: Meet the local Big-Wave-Monkey

Wer so lacht, der muss ein glücklicher Mensch sein“, dachte ich, als ich Oliver Soliz zum ersten Mal begegnete. Herzhaft, ehrlich, das ganze Gesicht leuchtet, und Oliver lacht nicht nur wenn etwas witzig ist.

Nein, er freut sich einfach über ganz viele Dinge, einfache Dinge. Zum Beispiel, wenn die Fischer unten im Dorf mal wieder Makrele gefangen haben – seine Leibspeise. Er ist glücklich über das warme Wasser in der Dusche, dass die Sonne den Tag über aufgewärmt hat. Und natürlich grinst er, wenn er über Wellen und surfen redet.

Strand, Wellen, offshore – das ist Olivers Leben

Oliver ist einer der ersten Surfer Nicaraguas, und inzwischen ist er mit seinen 35 Jahren einer der ganz wenigen Big-Wave-Surfer in Zentralamerika. Popoyo-Outer-Reef ist sein Break, ab zehn Fuß macht ihm dort keiner etwas vor, er ist der Chef im Line-Up. 2011 konnte er dank eines befreundeten Surfers das erste Mal Lateinamerika verlassen, Ziel: Waimea, Hawaii. Er erwischte einen 20-Fuß-Swell und machte sich auf Anhieb einen Namen im exquisiten Line-Up. In Playa Gigante, seinem Heimatort, kennen ihn alle nur als „Monkey“ –  Nica-Surfer lieben es, sich Spitznamen zu geben. Und so heißt auch sein Zuhause, das er an Reisende und Surfer vermietet: Monkey-House. Ich habe ein paar Tage bei ihm gewohnt, habe ein paar Wellen und den ein oder anderen Swell mit ihm geteilt, und mich lange mit einem der glücklichsten Menschen unterhalten, die ich je getroffen habe.

 

Outer Reef - groß und hässlich!

Outer Reef – groß und hässlich!

travelonboards.de:

Oliver, wieso nennen dich die Menschen hier in der Bucht „Monkey“?

Oliver Solis:

Wenn eine große Welle am Horizont auftaucht, dann stoße ich oft einen Jauchzer aus – vor Freude, und um meine Kumpels, die mal wieder gepennt haben, auf das Set aufmerksam zu machen. Dieser Ruf ähnelt wohl dem Schrei eines Affen, ich werde so genannt, seit ich ein kleiner Junge bin. Ich mag das, ich liebe Affen!

travelonboards.de:

Vor 30 Jahren spielte Surfen in Nicaragua noch keine große Rolle – wie bist Du aufs Brett gekommen?

Oliver:

Ich bin in San Juan del Sur aufgewachsen, was damals noch ein kleines Fischerdorf war. Wir haben uns einfach kleine Baumstämme gesucht und sind damit die Wellen runtergerutscht, da war ich ungefähr acht oder neun Jahre alt. Irgendwann haben wir dann entdeckt, dass in Kühlschränken Styropor verbaut wird, und haben das Zeug aus alten Geräten genommen. Mit einer Schnur haben wir das Styropor an eine dünne Holzplatte gebunden, und fertig war das erste Nica-Board. Wir hatten natürlich keine Finnen und auch kein Wachs, aber jede Menge Spaß.

travelonboards.de:

Wann hast du das erste richtige Surfboard in die Finger bekommen?

Oliver:

Ich habe bei einem der ersten Amerikaner, die nach San Juan del Sur gekommen sind, den Swimmingpool sauber gemacht. Irgendwann habe ich sein Surfboard in der Ecke stehen sehen und dann so lange gebettelt, bis er es mir ausgeliehen hat. Nach der ersten Welle konnte ich es kaum glauben: Mit dem Ding konnte man Kurven fahren, und man rutschte dank des Wachs nicht andauern ab. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens.

travelonboards.de:

Haben deine Eltern, deine Geschwister und Freunde deine neue Passion verstanden und toleriert? In Nicaragua müssen die Kinder doch schon früh im Haushalt helfen?

Oliver:

Ja, eigentlich schon. Ich musste natürlich erst alle Hausarbeiten erledigt haben, Schweine füttern, Wasser holen und so weiter – aber dann durfte ich immer surfen gehen. Ich und meine Familie, wir sind am Strand und im Ozean aufgewachsen, das Meer ist Teil unseres Lebens. Es ernährt uns, es kümmert sich um uns, wir fühlen uns darin wohl.  Für mich war das Surfen nur eine neue Art, um mit den Wellen zu spielen. Ich liebe den Ozean, er ist mein zu Hause.

 

playa colorado barrel surfing nicaragua

Oliver sucht Schatten in Colorados

 

travelonboards.de:

Und dann ist es aber ein großer Schritt von sechs-Fuß-Colorado zu 20-Fuß-Popoyo – wie kam das?

Oliver:

Ich bin zweimal nicaraguanischer Meister im Shortboard geworden, zum Spaß habe ich auch mal Longboard versucht und habe auch den Contest gewonnen (lacht!). Ich war auf der Suche nach neuen Herausforderungen, wollte neue, größere Wellen surfen. Zu der Zeit habe ich in San Juan del Sur in einem Hostel gearbeitet, und der Besitzer dort wusste, dass ich gerne und ganz gut surfe. Eines Tages hat er mich in sein Auto gepackt, zwei riesige Bretter aufs Dach geschnallt und wir sind los gefahren. Ich hatte keine Ahnung was er mit mir vor hat, er hat nur immer gelacht und mich gefragt wie ich mich heute fühle. Wir kommen also in Popoyo an, und ich konnte kaum glauben was ich sehe: Riesige Wasserberge knallten auf das Outer-Reef, das Face an diesem Tag muss so um die 15 Fuß gewesen sein. Wir paddelten also raus, ich auf einer acht-Fuß-Gun, ich hatte keine Ahnung wie ich auf diesem langen und sehr schmalen Ding reiten sollte. Mein Körper streikte, ich konnte kaum paddeln, noch nie in meinem Leben hatte ich so eine Angst. Die Wellen waren gleichzeitig das Schönste und das Schrecklichste was ich je gesehen hatte.

travelonboards.de:

Und dann kam das erste Set?

Oliver:

Und dann kam das erste Set! Mein Chef schrie: „Go, go – vamos, fuerte!“ Also paddelte ich, und es passierte – nichts! Die ersten zwei Stunde kam ich in keine einzige Welle, ich verzweifelte beinahe. Ich dachte schon: Ok, vielleicht lässt du das einfach sein und surfst weiter Beachbreaks – ist auch gut.  Und dann kam meine Welle: Ich paddelte, stand auf, und dann der Drop! Diesen ersten Drop werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen! Als es vorbei war, da wusste ich: Das ist es, genau das willst du den Rest deines Lebens machen.

Oliver wird direkt vor seiner Haustür gebarrelt

Oliver wird direkt vor seiner Haustür gebarrelt

travelonboards.de:

Was ist der Unterschied beim Big-Wave-Surfen – außer die Größe der Welle?

Oliver:

Ich verspüre immer Freude und Glück beim surfen, egal wie groß die Wellen sind. Aber beim richtig großen Wellen ist ein Gefühl in meinem Körper, das nur schwierig zu beschreiben ist. Es ist eine Mischung aus Angst, Respekt und Liebe zu der Welle. Wenn du ein 20-Fuß-Face runter heizt, dann explodiert dein Körper innerlich – ich fühle nichts, und gleichzeitig alles, ein sehr intensives Erlebnis. Ungefähr so, wie die Liebe zu einer Frau (seine amerikanische Freundin sitzt neben ihm und schaut etwas verdutzt – und Oliver lacht).

travelonboards.de:

Dein Business ist dein kleines Hostel „Monkey House“ in Playa Gigante, kannst du bei einem Swell einfach alles stehen und liegen lassen?

Oliver:

Bei normalen Wellen geht das nicht, ich muss mich um meine Gäste und das Hostel kümmern. Aber wenn ein großer Swell kommt, und das passiert ungefähr sieben Mal in der Saison, dann packe ich einfach meine Sachen und fahre nach Popoyo – das verstehen meine Gäste bestimmt (lacht). Ich würde sterben, wenn ich hier sitze und weiß, dass das „Outer Reef“ gerade produziert! Aber ich habe jetzt seit einigen Wochen meine erste Angestellte, und hoffentlich habe ich jetzt auch wieder mehr Zeit zu surfen!

Oliver off-the-lip

Oliver off-the-lip

travelonboards.de:

Abgesehen vom Big-Wave-Surfen hat sich das Surfen in Nicaragua in den letzten fünf Jahren unfassbar weiter entwickelt. Begrüßt du das?

Oliver:

Na ja, als Business-Mensch mit einem kleinen Hostel natürlich schon. Es kommen immer mehr Reisende und Surfer, und meine Unterkunft ist fast immer voll. Als Surfer ist es natürlich manchmal schwer. Die Tage, an denen ich Colorados, Popoyo und die anderen Wellen nur mit ein paar Kumpels gesurft bin, die sind wohl endgültig vorbei. Aber zum Glück gibt es hier so viele Wellen, von denen ihr Gringos keine Ahnung habt (lacht!). Aber das ist ok, das Surfen hat mir in meinem Leben so viele Möglichkeiten eröffnet, jetzt ist es wahrscheinlich an der Zeit ist, etwas zurück zu geben.

travelonboards.de:

Wissen das die Surfer aus aller Welt zu schätzen?

Oliver:

Na ja, die meisten. Das Line-Up in Nicaragua ist eigentlich ziemlich tranquilo! Nur bei Wellen wie Colorado, die von den Amerikanern „privatisiert“ wurde, gibt es manchmal Probleme. Da sitzen dann Gringos, die sagen: „Ich habe 2000 Dollar bezahlt, diese Welle gehört heute mir!“ Meine Kumpels und ich lachen dann nur, denn wir haben unsere „Local-Area“ im Line-Up, und da kommt auch keine anderer rein – wir haben da unsere Mittel und Wege (lacht!). Aber wie gesagt, sei einfach tranquilo und du wirst deine Wellen bekommen – höre einfach auf den Affenschrei, dann weißt du, gleich kommt das Set.

travelonboards.de:

Gibt es eine Welle, die du noch gerne einmal surfen möchtest?

Oliver:

Klar, gerne würde ich zurück nach Hawaii, oder mal Mavericks surfen, aber ich bin hier in Playa Gigante sehr, sehr glücklich. Ich lebe an einem der schönsten Orte der Welt mit einigen der besten Wellen des Planeten. Und wie gesagt: Von den besten Wellen in der Nachbarschaft habt ihr keine Ahnung!

Blick auf die Bucht von Olivers Terrasse

Blick auf die Bucht von Olivers Terrasse

Oliver lacht herzhaft, dann schnappt er sich einen kleinen Fish, klettert die Klippen vor seinem Haus runter wie ein Affe und stürzt sich in eine zwei-Fuß-Welle. Man sieht ihm den Spaß dabei an, beim nächsten drei-Fuß-Set tönt ein Affenschrei durch die Bucht – und jetzt bin ich mir sicher: Ich habe heute einen sehr glücklichen Menschen getroffen.

5 Kommentare
  1. Silvan
    Silvan says:

    Hi Stefan, weisst du wie man Oliver am besten kontaktieren kann? Und kann er englisch?
    Oder sollte man am besten einfach beim Hostel vorbeischauen?

    Gruss aus Nica (:

    Antworten
    • Stefan Heinrich
      Stefan Heinrich says:

      Hi Silvan, am besten schreibst du ihn über Facebook an über die Fanseite des Hotels. Du kannst aber auch einfach vorbeifahren, wenn alle Betten besetzt sind, dann kannst du immer noch in der Hängematte pennen! Grüße und viel Spaß, Stefan

      Antworten

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  1. […] du hier surfst, dann musst du „Tax“ bezahlen. Wer trotzdem Lust bekommen hat, am besten mal mit Oliver Soliz […]

  2. […] so eine Wand aus 20 Meter Wasser! Und noch viel abgefahrener ist doch, dass es tatsächlich ein paar Verrückte gibt, die diese Dinger auch noch […]

  3. […] Wer wissen möchte, wieso das Monkey House so benannt ist, der kann hier weiter lesen! […]

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