Surfen mit Babybauch

Ein Erfahrungsbericht: 9 Monate zu zweit im Line-Up!

Surfen und Schwangerschaft – eine Kombination, über die ich mir als Mann bisher gar keine Gedanken gemacht habe! Bis mir Natalie, eine befreundete Surferin aus Neuseeland, erzählte, dass sie auch als werdende Mutter weiterhin auf dem Surfboard rumtobt. Hier ist ihr Erfahrungsbericht der gesamten neun Monate – für surfende Frauen, schwangere Frauen, surfende schwangere Frauen und solche, die es werden wollen!

Surfen und Schwangerschaft – zwei faszinierende Dinge, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, sich eigentlich sogar ausschließen. Bei manchen Frauen ist körperliche Anstrengung während der Schwangerschaft nicht gut oder vom Arzt ganz verboten – für Natalie Beier dagegen war die Kombination Surfen und Schwangerschaft ein Muss! Gemeinsam mit dem ungeborenen Nachwuchs sprang sie regelmäßig in ihrer Wahlheimat Neuseeland in den Neoprenanzug und ging Surfen – drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin paddelte sie zuletzt raus ins Line-Up.

Schwanger sein – für mich als Mann unvorstellbar! Schwanger sein und surfen gehen – für mich als Mann einfach faszinierend! Wer ist Kelly Slater, Stephanie Gilmore und Co. – mein neuer Surf-Held heißt Natalie. Dass sie während der Schwangerschaft weiterhin Wellenreiten gegangen ist finde ich wahnsinnig faszinierend, unglaublich mutig und einfach inspirierend! Hier ist ihre Geschichte!

Ach so: Das Happy End nehme ich einfach schon mal vorweg: Mila Steinhauser kam am 02. Februar 2017 als gesundes Surfer-Baby zur Welt!

Schwanger surfen – wie viel Zeit bleibt im Line-Up?

Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, habe ich mich sehr gefreut – ehrlicherweise aber war mein zweiter Gedanke: „Was wird jetzt aus dem Surfen?“ Ein komischer Gedanke, zugegeben, aber zu Beginn einer Schwangerschaft wohl nachvollziehbar – Mütter werden das bestätigen können! Eigentlich wollte ich ja hier in Neuseeland so richtig durchstarten mit dem Surfen! Ich war erst wenige Monate zuvor von einem Fish auf ein Shortboard umgestiegen und hoffte, während des geplanten Surfurlaubes auf Bali ordentliche Fortschritte machen zu können.

Meinen Durchbruch mit dem Shortboard sah ich in weite Ferne rücken, da ich als Schwangere wohl zweifellos einige Abstriche von meinem Surf-Gewohnheiten werde machen müssen. Allerdings wollte ich auf den Spaß im Wasser auf keinen Fall ganz verzichten. Das alles natürlich unter der Voraussetzung, dass ich fit und gesund bin und meine Schwangerschaft ohne Probleme und Komplikationen verläuft.

Ich würde jeder schwangeren Surferin raten, eine medizinische Fachmeinung einzuholen und den entsprechenden Anweisungen zu folgen. Die eigene Sicherheit und die Gesundheit des Kindes darf natürlich auf keinen Fall gefährdet werden! In meinem Fall wurde ich, so wie das in Neuseeland üblich ist, während der gesamten Schwangerschaft bis zur Geburt von einer Hebamme betreut. Sie hatte keine Einwände, solange ich auf meinen Körper hörte und auf meine Sicherheit achtete.

Sicherheit beim Surfen geht vor

Wenn mir die Wellen, die Strömung oder der Shore-Break Sorgen bereiteten, bin ich nicht ins Wasser gegangen. Bei Unwohlsein bin ich sofort an Land gepaddelt! Und noch mehr als bisher musste ich meine jeweilige Tagesform akzeptieren.

Meine kürzeste Session mit 45 Minuten hatte ich im 7. Monat – eine meiner besten Doppelsessions mit fast vier Stunden im Wasser einige Wochen später am Ende des 8. Monats. Wobei sich insgesamt meine Zeit im Wasser pro Session deutlich reduziert hat. Vor der Schwangersachaft waren drei Stunden mein Standard und eventuell eine Doppelsession am Wochenende, während der Schwangerschaft war nach ein bis zwei Stunden meistens Schluss mit Surfen. Auch musste ich akzeptieren, dass ich mit der Zeit deutlich an Muskelmasse und Kraft einbüßte. Erwartungsgemäß lautete die Devise eigentlich von Anfang an: Kleinere Wellen, größeres Board.

Besser den Surfbuddy immer mit dabei

Außerdem war im Wasser immer mindestens eine Person bezüglich meiner Schwangerschaft eingeweiht. Oft war es so, dass meine Kraft nicht langsam schwand – ich war oft plötzlich körperlich am Ende. Da war es gut zu wissen, dass jemand ein wachsames Auge auf mich hatte. Zudem ist es ein ganz anderes Gefühl, wenn man nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für ein kleines Wesen verantwortlich ist. Besonders am Anfang und im zweiten Drittel meiner Schwangerschaft, als ich öfter mit schulter- bis kopfhohen Wellen und hold downs zu tun hatte, merkte ich, dass ich leichter in Unruhe oder Panik verfiel. Ein Surfbuddy im Line-Up tut da gut.

In den drei Schwangerschaftsdritteln habe ich verschiedene Erfahrungen gesammelt. Natürlich ist jede Schwangerschaft individuell, gerne möchte ich aber meiner Erfahrung in Sachen Surfen und schwanger sein teilen!

Surfen im ersten Schwangerschaftsdrittel

Einfach zusammengefasst: Es ging bei mir fast gar nichts mehr! Paradoxerweise – als die Schwangerschaft nicht sichtbar war, hat sie mein Wohlbefinden und das Surfen fast am meisten beeinträchtigt. Ich fühlte mich in den ersten Wochen sehr schlapp und unendlich müde. Ich lag auf dem Board und kämpfte mich mühselig ins Line-Up – nach nur wenigen Paddelzügen war ich völlig erschöpft und rang nach Luft. Die ständige Übelkeit war auch nicht gerade angenehm, das Salzwasser verstärkte das Gefühl – hin und wieder bekamen die Fische eine extra Portion Futter geliefert. Ich bekam Wellen nicht mehr angepaddelt und um die Ohren gehauen – ab und zu hielt ich Zwiesprache mit dem erdnussgroßen Wesen in meinem Bauch: „Stiehlst du mir etwas mein Surf-Mojo?“ Für mich waren die ersten drei Monate keine gute Zeit zum Surfen.

Surfen im zweiten Schwangerschaftsdrittel

Jetzt ging es zum dreiwöchigen Surfurlaub nach Bali, zum Glück war die Übelkeit deutlich weniger geworden. Es war nicht immer einfach, auf Bali kleine bis mittelgroße sanfte Wellen zu finden. Außerdem kommt auf Bali noch der Crowd Faktor dazu – gerade jetzt hatte ich keine Lust, herumfliegende Boards an den Kopf zu bekommen oder mich anderweitig zu verletzen. Ich musste mir eingestehen, dass mein 5.10 Hybrid nun doch eine Nummer zu klein für mich war. Ein 6.4 Funboard brachte aber Abhilfe. Das lange Rauspaddeln zu den Reefbreaks kostete mich sehr viel Kraft, wenn mich ein Set an der Inside erwischte, dann rang ich recht schnell panisch nach Luft. Ich hatte das Gefühl, ständig in Luftnot zu sein. Trotzdem gab es tolle und überwältigende Momente, in denen ich fast wie beflügelt ins Line-Up paddelte. Sogar meine Turns konnte ich in verfeinern und kleine Fortschritte feiern. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, den Surfurlaub an den Beginn des zweiten Schwangerschaftsdrittels zu setzen!

Noch auf Bali, in der 16. Woche, spürte ich das erste Mal das Kind in meinem Bauch. Erst nur zaghaft und gelegentlich, doch im Laufe der Zeit immer häufiger. Interessanterweise meist erst nach dem Surfen, vielleicht wirkt das Schaukeln auf dem Wasser einschläfernd auf das Kind. Für mich gehörte das spürbare Strampeln meiner Kleinen zu den schönsten Erfahrungen meiner Schwangerschaft.

Allerdings kam jetzt noch eine weitere Einschränkung kam dazu: Durch die wachsende Gebärmutter spürte ich einen Druck auf Nerven und Gefäße im Becken, was einen hartnäckigen Ischias-Schmerz im linken Bein und Krämpfe mit Taubheitsgefühl im rechten Bein zur Folge hatte. Im 6. Monat wurde mein Take-off durch die steifen Hüften und gequetschten Nerven deutlich langsamer und schwerfälliger als zuvor. Ich konnte auch nicht mehr gerade, sondern nur noch schräg mit den Füßen aufkommen – oh je, so muss sich das Surfen mit 70 Jahren und Arthrose anfühlen!

Ich stieg daher von meinem voluminösem 6.8 Fish auf mein entspanntes 9.0 Longboard oder den 9.6 “Tanker” meines Mannes um. Einmal auf den Füßen war das alles aber meist schnell vergessen und ich konnte trotz wackeliger Beine einige lange Wellen genießen – meine längste Welle im 6. Monat war gute 50 Sekunden!

Surfen im letzten Schwangerschaftsdrittel

Zum Ende des 7. Monats brachte ich gerade mal fünf Kilogramm mehr auf die Waage als zu Beginn meiner Schwangerschaft. Der Bauch war beim besten Willen nicht mehr zu übersehen – und für mich beim Paddeln nicht mehr zu ignorieren. Der Kopf der Kleinen lag gut geschützt im Becken, aber ihr restlicher Körper wuchs stetig nach oben. In meinem Magen war kaum noch Platz – wenn ich zu lange auf dem Bauch paddelte musste ich im Schwall erbrechen, selbst wenn ich Stunden vorher nichts gegessen hatte. Ich paddelte also viel auf den Knien oder klemmte meine Beine irgendwie um die Rails und legte vorne die Stirn auf das Board. Surfen und schwanger sein – nichts für Surf-Ästheten! Außerdem war diese verkrampfte Paddelhaltung auf Dauer schmerzhaft, daher ging ich nur noch bei geeigneten Bedingungen ins Wasser. Befreundete Surferinnen, die ebenfalls in ihrer Schwangerschaft surften, hatten allesamt im 7. Monat aufgehört – mir war aber noch überhaupt nicht nach aufhören zumute! Grüne Wellen blieben für mich die oberste Priorität – ich bin nicht jahrelang gesurft, um jetzt zum Weißwasserrutscher zu werden!

So oder so, es war einfach schön, im Wasser zu sein! Mein Baby war nun auch während des Surfens wach und strampelte (oder paddelte) eifrig. Ich hatte so wirklich das Gefühl, “zu zweit” auf dem Board zu stehen.

Meine beste Session hatte ich am Ende des 8. Monats. An Weihnachten tauchten im Line-Up Delphine auf während ich mit meinem strampelnden Baby im Bauch an der schulterhohen grünen Wand entlangfuhr. Ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können und bin überzeugt, dass meine kleine Maus mir diesen besonderen Moment zum Geschenk gemacht hat. Definitiv war das eins der Highlights, das ich mit meiner Tochter teile.

Im 9. Monat verzichtete ich auf meinen Stolz und ließ mir beim anpaddeln von meinem Mann nachhelfen, der mich ab und zu in die Mini-Wellen hineinschubste. Jede kleine grüne Welle zählte und ich war froh um jede unbeschwerte Minute im Wasser.

Schwanger im Line-Up – das Fazit nach neun Monaten

Surfen ist sowieso schon anstrengend – eine Schwangerschaft aber macht es um einiges anstrengender. Wellen, bei denen ich vorher nicht mit der Wimper gezuckt hatte, wurden zu unbezwingbaren Wänden – ich musste mich unweigerlich anpassen. Ich hörte deutlicher auf die innere Stimme und den eigenen Körper, zum Schutz für mich und mein ungeborenes Kind.

Insgesamt aber entwickelte das Surfen für mich eine ganz andere Qualität – jede einzelne Welle wurde zum Erfolg und einer wertvollen Erinnerung für mich. Surfen während der Schwangerschaft wurde zu einem Erlebnis, das ich mit meiner ungeborenen Tochter teilen konnte. Wenn es aus medizinischer Sicht keine Bedenken gibt, kann ich nur jede Frau zum Surfen während der Schwangerschaft ermutigen!

Das alles wäre aber nicht ohne die Hilfe meines Mannes möglich gewesen, der mich entweder vom Strand aus an den richtigen Punkt im Line-Up dirigierte oder mir im Wasser unterstützend zur Seite stand. Ich wünsche mir, dass wir Surfen als Familie in Zukunft gemeinsam erleben – die neun Monate meiner Schwangerschaft waren schließlich erst der Anfang.

© all Pics/Videos by Arthur Steinhauser/kiwipilot.de

Hast du Fragen oder Anregungen zum Thema Surfen und Schwangerschaft? Standest du selber schwanger auf dem Surfboard? Schreib mir gerne eine Mail oder pack einfach alles unten in die Kommentare!

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5 Kommentare
  1. Pana
    Pana says:

    Was für ein megageiler, spannender Bericht! Hut ab Natalie und gratuliere zu eurem wunderschönen neuen Familienmitglied – zum Knutschen die Kleine! Und super motivierend zu hören, dass man nicht sofort komplett aufhören muss, weil man schwanger ist. Solche Posts braucht die Welt! 🙂
    Das einzige, das mich an dem Post stört, ist, dass er nicht auf meinem Blog ist! 😉 Liebe Grüße, Pana

    Antworten
  2. Christine
    Christine says:

    Tolle Story und Hut ab! Es kommt halt immer drauf an wie man die Schwangerschaft so wegsteckt. Ich konnte im letzten Monat keine 50 Meter mehr laufen… Da wäre ich sicher nicht ins Wasser gegangen.

    Antworten

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Surfen und Schwangerschaft: Erfahrungsbericht neun Monate im Line-Up
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