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SURFEN UND ARBEITEN – WIE GEHT SURF-WORK-BALANCE?

Serie #4: Surfcamp-Besitzerin Eva

„Das Hobby zum Beruf machen“ – eine gängige Floskel, die meiner Meinung nach aber in den wenigsten Fällen zutrifft. Ok, Fußballprofi, klar. Oder Nerd arbeitet als Entwickler bei einem Computerspielehersteller, Hobbysänger wird Rockstar. Wohl eher Ausnahmen – oder war Käpt´n Iglo in seiner Jugend Hobbyangler? Auch mit dem „Hobby“ Wellenreiten ist das so eine Sache – es ist gar nicht so einfach, surfend Geld zu verdienen. In diesem Post lernst du ein inspirierendes Beispiel dafür kennen, dass es durchaus möglich ist Surfen und arbeiten ziemlich gut unter einen Hut zu bekommen! Außerdem findet ihr hier Antwort auf die Frage: Wie geht eigentlich „Surf-Work-Balance“?

Auf meinen Surftrips habe ich einige Menschen kennen gelernt, die für sich einen Weg gefunden haben, um viel Zeit auf dem Brett zu verbringen und dabei trotzdem das nötige Einkommen zu generieren. Gerne möchte ich einige davon in bei travelonboards vorstellen. Nachdem bereits Dan den Fotograf, die kitende Designerin Miriam und der englischen Surf-Gentleman Jordan zu Wort gekommen sind, äußert sich heute die Surfcamp-Besitzerin Eva zu Surfen und arbeiten und ihrer ganz persönlichen „Surf-Work-Balance“!

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surfen und arbeiten

Eine surfende Deutsche – vor 20 Jahren eher selten

Als ich Eva kennen lernte, kam sie gerade mit einem Longboard um die Ecke gerollert! Das war im Oktober 1998, wir waren beide Erstsemester an der Sporthochschule Köln und gerade damit beschäftigt, den Weg aus der schulisches Umklammerung in die studentische Freiheit zu finden. Ich hatte mein Windsurf-Material verkauft und war noch am Anfang meiner Surf-Karriere, dafür aber total infiziert – Eva dagegen hatte schon die ein oder andere Session auf dem Wellenreiter hinter sich. Es war nicht zu übersehen, dass sie den entspannten Surfer-Lifestyle dem (manchmal) lernintensiven Studentenalltag vorzog: Lange, sonnenblondierte Haare, immer braun gebrannt, wohnhaft in ihrem Bulli auf dem Parkplatz der Uni. Wenn die anderen wochenlange Kompaktseminare absolvierte, tauchte Eva ab und ging surfen.

Das war für die junge Surferin ganz normal, für die meisten eher ungewöhnlich. Überhaupt, dass eine junge Frau surft, war 1998 noch eine Seltenheit! Wellenreiten war in Deutschland noch nicht im Mainstream angekommen, noch hatten es kein „Surfer“ auf die Plastiktüten einer sehr beliebten Billig-Modemarke geschafft. Wenn überhaupt, dann surften eher Jungs, die vom Windsurfen umgestiegen waren. Schon damals aber hat Eva einfach „ihr Ding“ gemacht, und genau dafür habe ich sie schon immer bewundert!

Profi und Surfschul-Besitzerin

Eva stellte relativ früh fest, dass das wellenlose Köln überhaupt nichts für sie ist, deshalb packte sie nach ein paar Semestern ihre Sachen und zog nach Fuertaventura. Im Gegensatz zu Surfern, die heute „land-locked“ sind, hat sie den Schritt gewagt! Ich habe sie bald auf Fuerte besucht und durfte an ihrer neu gewonnen Freiheit teil haben.

Irgendwann bin ich ihr nochmal in Marokko im Line-Up begegnet, danach haben wir uns leider aus den Augen verloren – aber ihren Weg habe ich immer aus der Ferne verfolgt. Das war auch nicht schwierig – schließlich hat sie es als gesponserte Surferin von O´Neill bis in die WQS und zu deutschen Meistertiteln geschafft, ihre Surfschule Backwash in Frankreich ist in der Szene eine feste Größe! So ganz nebenbei ist sie heute übrigens auch noch Physiotherapeutin und Mutter eines dreijährigen Sohnes!

surfen und arbeiten eva

Eva hat schon früh alles auf die Karte „Surfen“ gesetzt, heute verdient sie ihren Lebensunterhalt damit und ist dadurch höchst qualifiziert für meine Serie „Surfen und arbeiten – wie geht Surf-Work-Balance“?

surfen und arbeiten eva
surfen und arbeiten eva

So geht die Surf-Work-Balance von Eva

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Hi Eva, warst du heute schon Surfen?

Eva
Nein, heute nicht. Ich bereite gerade die Saison für mein Surfcamp in Frankreich vor, da hab ich nicht so viel Zeit.

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Als wir uns kennen gelernt haben, da warst du schon auf dem Surfbrett unterwegs – wie hat deine Leidenschaft eigentlich angefangen?

Eva
Ich bin schon ganz früh mit meinen Eltern zum Windsurfen gegangen, irgendwann hat mir meine Mutter ein Boogie-Board gekauft und ich bin bei Flaute in die Welle. Das hat mich fasziniert, irgendwann stand ich dann auf dem Surfbrett und bin seitdem nicht mehr abgestiegen. Das ist jetzt 20 Jahre her, acht davon war ich als „Profi“ unterwegs, gesponsert von O´Neill und Vans.

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Viele werden das gar nicht wissen, aber Deutschland hat sogar eine Surf-Nationalmannschaft und du bist daran nicht ganz unbeteiligt!

Eva
Stimmt, ich bin lange für die Nationalmannschaft gesurft und war bei Wettkämpfen auf der ganzen Welt. Später habe ich dann das A-Team und die Junioren gecoacht. Das war ein super Zeit und die Mannschaft wichtig für die Entwicklung des Surfens in Deutschland.

© Andy Fox

surfen und arbeiten eva

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Wolltest du dein Geld schon immer mit Surfen verdienen?

Eva
Nein, der Plan war es eigentlich, Medizinerin zu werden. Aber mein persönlicher Weg hat ein paar Umwege genommen – mit fantastischen Wellen, verschiedenen Orten und tollen Menschen. Das Reisen und der Sport haben mich definitiv geprägt und ich bin heute sehr glücklich, wie es ist.

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Hast du dir deine Aufgabe dann so ausgesucht, dass du genug Zeit zum Surfen hast? Oder stand das Geld verdienen irgendwann im Vordergrund?

Eva
Surfen ist wie der Kaffe am Morgen – für mich einfach unverzichtbar! Danach kann ich entspannt arbeiten gehen. Surfen ist meine Energiequelle, ohne Surfen keine Arbeit. Im Wasser kann ich abschalten und meinen Gedanken nachhängen, das ist auch gut für den Job. Sprich: Surfen hatte immer Priorität.

travelonboards
Wie sieht denn deine „Surf-Work-Balance“ heute aus?

Eva
Ich finde es wichtig, dass der Job Spaß macht und dabei etwas zurück kommt, dann ist es nicht so schlimm, wenn man mal eine gewisse Zeit auf Surfen verzichten muss. Im Leben kommen immer unerwartete Faktoren dazu: Krankheit, Familie, Kinder – darum versuche ich immer im „Hier und Jetzt“ zufrieden zu sein.

© Lars Jacobsen

surfen und arbeiten eva

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Kannst du einen heißen Tip geben, wie man eine ausgewogene „Surf-Life-Balance“ erreicht?

Eva
Man muss es wirklich wollen und dabei sicher auch mal für einige Zeit auf Wellen verzichten. Als ich meine dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht habe, bin ich auch nicht so oft ins Wasser gekommen wie ich wollte. Aber ich hatte ein Ziel vor Augen und das Wissen, dass das Meer immer für mich da sein wird.

travelonboards
Hilft dir das Surfen auch in deinem Arbeitsleben?

Eva
Klar – beim Surfen und arbeiten sind die Augenblicke wichtig. In beiden Mikrokosmen zählt Ruhe, Kraft, Energie, Mut und die Gelassenheit, auch in schwierigen Situation zu bestehen. Genau wie jede Welle ist auch jeder Tag ein Neuanfang – das ist wirklich wahr.

travelonboards
Was zählt heute mehr für dich. Surfen oder die Arbeit!

Eva
Surfen natürlich (lacht laut).

travelonboards
Würdest du das Surfen für einen Job aufgeben?

Eva
Ich wünsche mir, dass ich niemals mit dem Surfen aufhören muss.

© Andy Fox

surfen und arbeiten eva

travelonboards
Angenommen du gewinnst viel Geld – würdest du den Job an den Nagel hängen und nur noch surfen gehen?

Eva
Vielleicht für eine Weile, um mich nur der Familie und dem Surfen zu widmen – aber komplett aufhören zu arbeiten würde ich nicht!

travelonboards
Was ist für dich die Voraussetzung, um an einem Surfspot zu leben und zu arbeiten?

Eva
Ich brauche eine gewisse Infrastruktur was Bildung angeht, mein Sohn soll schließlich mal alle Möglichkeiten haben. Außerdem kann ich nicht surfen, wenn das Wasser unter zehn Grad hat, das ist schlecht für die Arthrose im Alter!

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Wie geht es bei dir weiter in Sachen surfen und arbeiten?

Eva
Im April geht es wieder für sechs Monate nach Frankreich, mein Surfcamp dort ist seit elf Jahren mein Zuhause!

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Eva, vielen Dank für das Gespräch. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns mal wieder zusammen in die Wellen schmeißen.

1 Antwort
  1. Markus
    Markus says:

    Hallo Eva und Stefan,

    ich bin zwar gerade joblos auf Surfauszeit unterwegs, aber betreue neben dem Surfen meine Webseite.

    Ich bewundere die Kombination aus Surfen und Arbeit und es erfordert schon auch ein bisschen Diziplin, nicht immer nur zu surfen. Auch nach fast drei Monaten zwei mal täglich surfen, kribbelt es immer noch, wenn mal was anderes zu tun ist, aber die Wellen laufen. So langsam stellt sich aber die Gewissheit ein, dass noch viele Wellen kommen werden und so gehe ich es auch mal entspannter an.

    Wie Eva beschreibt, ist es auch bei mir. Wenn ich morgens surfen war, kann ich mich entspannt an den Rechner setzen und kreativ werden. Oder anders herum, bringt es mich nach einem Tag voller schreiben und Fotos bearbeiten wieder zurück zum „Wesentlichen“.

    Danke für die Einblicke und Gruß,
    Markus

    Antworten

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