surfen in nicaragua

Meet a local: Surfende Wollmilchsau!

DSC00156

Sonne, Wind, Strand – Natur ist im Büro von Cesar Medina allgegenwärtig. An seinem Arbeitsplatz gibt es keinen  Schreibtisch, er braucht auch keinen Konferenzraum, und schon gar keine Wände oder Türen. Der 22-Jährige arbeitet überall: direkt am Strand, in der Hängematte eines Hostels oder im Schatten einer Palme. Einzige Voraussetzung: Wellen muss es geben, und zwar fußläufig. Cesar will am liebsten vor der Arbeit, in der Mittagspause und nach Feierabend surfen. Das Wellenreiten ist Teil seines Lebens – für einen, der an den Stränden Nicaraguas zuhause ist, ganz selbstverständlich.

Cesar ist beim Spiel mit den Wellen (nach eigener Aussage) nicht so versiert wie viele seiner Freunde, er wuchs in der Hauptstadt Managua auf und fing erst spät mit surfen an. Und trotzdem weiß er mehr über das Surfen in Nicaragua als so mancher, der schon seit Jahrzehnten die mittelamerikanische Pazifik-Brandung reitet. Der Jung-Unternehmer hat irgendwann begriffen, wie er seine Erfahrung, seinen „Heimvorteil“ und sein Talent für die Entwicklung des Surfens in seinem Heimatland einsetzen kann. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist gedruckt auf ein paar Seiten aus Hochglanz-Papier: Das surfnicamagazine.com. Cesar ist Herausgeber, Chefredakteur und Reporter in Personalunion.

 

travelonboards.de: Hallo Cesar, warst Du heute morgen schon surfen?
Nein, Adolfo (rechts im Bild: Freund und Geschäftspartner, Anm.d.Red.) und ich sind zwar heute morgen um halb sechs in Managua los gefahren, um noch vor dem Frühstück ein paar Wellen zu surfen, aber es ist ziemlich klein und wir setzen uns jetzt lieber an unsere Rechner – die Deadline für die nächste Ausgabe drückt ganz schön!

 

Du produzierst das erste Surfmagazin in Nicaragua – wie kam es dazu?
surfing nicaragua wellenreiten surf

surfnicamagazine.com

Ich arbeitete 2007 als Surf-Guide in Costa Rica und habe dort ein lokales Surfmagazin irgendwo rumliegen sehen. Das habe ich durchgelesen und dann gedacht: „Das kannst Du auch, und genau das brauchen wir in Nicaragua!“ Ein Jahr später kam die erste Ausgabe raus, eine zweite folgte. Aber Surfen war damals in Nicaragua noch nicht das, was es heute ist, und nicht allzu viele haben sich dafür interessiert. Außerdem fing ich Ende 2008 mit meinem Studium an und hatte leider nur noch wenig Zeit, mich um surfnicamagazine.com zu kümmern.

Seit 2011 gibt es das Surfnica-Magazine aber wieder!

Ja, in jenem Jahr bin ich nach San Juan del Sur gezogen, auch damals schon die Surf-Hauptstadt Nicaraguas. Die Touristen fragten immer: „Wo kann ich hier am besten surfen, wie komme ich an diesen Strand, wie ist das Riff an jenem?“ Daraus entstand die Idee, eine Mischung aus Magazin und Surfguide zu machen. Das war gut, denn jetzt sprechen wir ein breiteres Publikum an, nicht nur die Surfer mit einer Special-Interest-Publikation.

 Seit der Neuauflage investiert Cesar fast mehr Zeit in sein Magazin als in sein Studium. Am Anfang erschien das Heft einmal pro Jahr, inzwischen ist es Cesars Anspruch, in jedem Quartal eine Ausgabe zu publizieren. Zwei Tage die Woche verbringt er an der Uni in Managua, die übrige Zeit versucht er eine neue Ausgabe auf die Beine zu stellen. Das größte Problem ist für ihn natürlich die Finanzierung, die Auflage ist mit 5000 Exemplaren bisher zu gering, um die großen Surfmarken von einer lohnenswerten Reichweite zu überzeugen. Aber immer mehr lokale Hostels und Restaurants nutzen das Surfnica-Magazin als Plattform und schalten ihre Werbung online oder in der Printversion. Auch heute will der junge Publizist mit verschiedenen Hostelbesitzern sprechen, dafür hat er den Kofferraum seines Autos mit alten Ausgaben des Heftes vollgepackt. Die legt er dann in den Unterkünften entlang der Küste aus: Die Hostel-Gäste bekommen Lesestoff und Informationen umsonst, und Cesar hoffentlich eine Rückmeldung des Besitzers, wie schnell die Ausgaben vergriffen waren – so geht analoges Monitoring in Nicaragua.
surfing nicaragua

Adolfo hilft Cesar beim Marketing

Um die Kosten gering zu halten, arbeitet Cesar außerdem eng mit seinen Freunden und Bekannten aus der Surf-Szene zusammen. Die wenigen Surffotografen Nicaraguas haben es schwer, publiziert zu werden, daher stellen sie Cesar ihre Fotos zur Verfügung – und können so zumindest der Surfnica-Magazine-Leserschaft ihre Arbeit gedruckt und digital zeigen und sich für weitere Jobs empfehlen. Außerdem schreibt Cesar fast alle seiner Artikel selbst, er sagt, es sei gar nicht so einfach in Nicaragua gute Journalisten zu finden, die sich auch noch mit dem Surfen auskennen.

Nicaragua gilt als eine Top-Surfdestination der Zukunft – hilft dir das bei deinem Magazin?

Na ja, ich hoffe auf lange Sicht schon. Das ist zumindest so etwas wie mein Motto: Reduziere heute den Profit, das wird sich morgen auszahlen! Bei Surfern ist Nicaragua inzwischen ganz oben auf der Liste, nur leider haben die Hostel-Betreiber und Restaurant-Besitzer noch nicht begriffen, dass auch Surfer eine gute und vor allem ziemlich treue Kundschaft sein können. Es ist nicht einfach, hier Partner und Werbekunden zu finden, einige wollen noch nicht mal, dass ich mein Magazin umsonst bei ihnen auslege. Ex-Pads haben eher ein Verständnis für meine Arbeit und ihre Bedeutung, die Locals verstehen diese Art der Arbeit oft nicht. Das ist aber ok, ich bin gerne bereit, es ihnen immer wieder zu erklären.

Dein Magazin ist nicht die klassische Surf-Publikation – wie genau willst du dich in Zukunft positionieren? 

Ich sehe mein Magazin als Botschafter des Surfens ins Nicaragua. Klar mache ich die klassischen Surf-Stories, ich möchte aber auch gerne vermittelt, dass unser Land mehr zu bieten hat als nur Weltklasse-Wellen. Gerne würde ich natürlich auch das Surfnica-Magazin als Marke etablieren, vielleicht bekommen wir dann auch die großen Player der Surfwelt ins Heft. Und für mich persönlich gilt eigentlich immer: Das nächste Heft muss noch besser werden als das letzte. Ich liebe Journalismus und freue mich in meinen Geschichten gute Surfer, neue Wellen und Surfregionen vorstellen zu können, aber ich würde mit meinem Magazin so gerne noch mehr erreichen – ich würde gerne Dinge bewegen und verändern.

An was denkst du dabei genau?

Ich würde gerne eine Organisation, eine Art Dachverband für die nicaraguanischen Surfer gründen. In diesem Land gibt es so wahnsinnig viele talentierte Surfer, nur haben die wenig Ahnung und Erfahrung, wie sie sich in diesem heute so hochprofessionellen Surf-Zirkus verhalten müssen, um Erfolg zu haben. Ich versuche gerade so eine Art Stipendium ins Leben zu rufen. Ausgewählte junge Surfer könnten dadurch Workshops besuchen: Wie trainiere und ernähre ich mich richtig? Wie lese ich Wetterkarten richtig? Wie schütze ich die Natur? Und Kelly Slater würde ich als Gastprofessor einladen!

surfer surfing wellenreiten nicaragua

Feierabend am Strand in Nicaragua

Wer Cesar kennt, der traut ihm das alles auch zu. Es ist das Glänzen in seinen Augen, das zuversichtliche Grinsen, wenn er von seinem Magazin und seinen Plänen spricht. Er möchte aber nicht nur die Surf-Szene in seinem Heimatland verändern, seine Vorsätze gehen weiter, weg von Sommer, Sonne, Sonnenschein. Gerade ist er in Gesprächen mit einem Landwirtschafts-Minister aus der Region um Popoyo. Cesar will ihn davon überzeugen eine Art „construction-code“, also eine Bau-Vorschrift, ins Leben zu rufen. Wer ökologisch wertvoll und mindestens mit einem Abstand von 50 Metern zum Strand baut, der bekommt ein Zertifikat und finanzielle Vergünstigungen. Bausünden oder gar „gated-communities“, wie sie in Playa Colorado zu finden sind, verabscheut Cesar. Aber: Nicaragua befindet sich im Korruptionsindex auf Platz 133 von insgesamt 175 Ländern – ein mutiges Unterfangen also. „Man darf die Menschen nicht zwingen, man muss sie anleiten“, und bumm, wieder so ein Satz, der eigentlich nicht aus dem Mund eines 22-jährigen Studenten zu erwarten ist.

Wann surft er es eigentlich neben Studium, Magazin und politischer Arbeit überhaupt noch einen der zahlreichen Weltklasse-Breaks seines Heimatlandes?

Leider ist es in letzter Zeit echt weniger geworden. Aber das ist ok, ich bin einfach glücklich wenn ich am Strand und in der Nähe des Ozeans bin. Hier kann ich einfach nur sein, das Meer gibt mir Kraft für kommende Aufgaben. Außerdem will ich viel erreichen, da muss man eben auch große Opfer bringen – und ich opfere eben den ein oder anderen Swell. In meinen Träumen aber habe ich es schon geschafft: Ich surfe dreimal am Tag, und das jeden Tag!

Cesar klemmt sich sein Brett unter den Arm und drückt an seinem Laptop den „Surf-Button“, eine spezielle Tastenkombination, die erst alles speichert und dann den Rechner innerhalb von einer Sekunde ausschaltet. Und dann: kein Konferenzraum, keine Arbeitszeiten-Magnetkarte, keine Kantine oder der missgelaunte Kollege. Der junge Mann verlässt sein Büro über einen kleinen Felsen und landet nach einigen großen Schritten direkt auf dem Strand – rein in den Feierabend mit vier Fuß offshore!

Noch keine Stimmen.
Bitte warten...
0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.